Play and Pleasure — Vernissage
Um 21 Uhr ist uns der Wein ausgegangen.
Das klingt nach einer Beschwerde. Es ist keine. Es ist vielleicht das schönste Detail dieses Abends — dass über 400 Menschen gekommen waren, dass die Gespräche nicht aufgehört haben, dass Yana Heinstein auflegte und irgendwann einfach getanzt wurde. Zwischen den Kunstwerken. Neben dem Tresen. Überall.
Wir werden diesen Abend nicht vergessen.
Aber der Reihe nach. Weil man verstehen muss, warum dieser Abend für uns so viel bedeutet hat — mehr als eine erfolgreiche Eröffnung, mehr als Zahlen und volle Räume.
Im Oktober 2017 hat Julia eine Notiz geschrieben. Keine öffentliche Erklärung, kein Manifest. Nur ein paar Sätze für sich selbst, an einem Abend, an dem wieder irgendetwas gesagt worden war, das nicht hätte gesagt werden dürfen.
»Ja, ich bin eine Frau und ja ich male. Ich muss plötzlich aufpassen, nicht zu einer frustrierten Person zu werden, die in jedem Moment damit rechnet, dass wieder ein sexistischer oder klein machender Spruch kommt. Ich habe beschlossen, mich zu weigern.«
Zwischen dieser Notiz und dem 24. Oktober 2025 lagen acht Jahre. Julia ist Malerin. Sie ist Mutter. Sie ist keine frustrierte Person geworden. Aber die Liste der Bemerkungen ist lang geblieben. Namen, die bei gemeinsamen Projekten unerwähnt blieben. Ein Sammler, der ihre Werke Mädchenmalerei nannte. Jemand, der sagte: Malen ist ein schönes Hobby, bis die Familie Vorrang hat.
Es sind keine Ausnahmen. Es sind die Erfahrungen der meisten Frauen im Kunstbetrieb. In der Hamburger Kunsthalle stammen 19 Prozent der Kunstwerke von Frauen. Im Museum Ludwig in Köln sind es 20 Prozent. Bei Auktionen werden Werke von Künstlerinnen im Schnitt für 47 Prozent niedrigere Beträge verkauft als die ihrer männlichen Kollegen. Ohne Zugang keine Sichtbarkeit. Ohne Sichtbarkeit kein Verkauf. Ein Kreislauf, der sich selbst erhält — solange man ihn lässt.
Wir haben beschlossen, ihn nicht zu lassen.
The Gap Project ist aus genau dieser Haltung entstanden. Nicht aus Wut — oder nicht nur aus Wut. Aus der Überzeugung, dass die Lücken im Kunstbetrieb keine unvermeidlichen Gegebenheiten sind, sondern Räume, die man bespielen kann. Und dass der wirksamste Widerstand manchmal der ist, der mit einem Lächeln im Gesicht kommt.
Ein Widerstand mit einem Lächeln im Gesicht — das war der Satz, mit dem Julia ihre Eröffnungsrede beendet hat. Es war auch das Leitmotiv des ganzen Abends.
Tereśa sprach danach über die Künstlerinnen, die diesen Weg geebnet haben. Valie Export, Cindy Sherman, Martha Rosler — Frauen, die in den 70er und 80er Jahren den Female Gaze nicht nur als künstlerische Haltung, sondern als politisches Werkzeug etabliert haben. Und über das, was es heute bedeutet, diesen Blick weiterzutragen. Nicht nostalgisch, nicht akademisch. Konkret.
Konkret heißt bei uns: Wir zeigen mehr Frauen als Männer. Die prominenteste und teuerste Arbeit in dieser Ausstellung stammt von einer Frau. Wir sind transparent. Und wir lösen die Hemmschwelle von Kunst auf — jeder Mensch in diesem Raum gehört hierher, darf alles fragen, darf sich das leisten.
Was danach kam, war der Abend selbst.
Florian Huber, Diana Frasek, Carolina Amaya, Anna Baer, Ivana de Vivanco, Anja Fußbach, Joséphine Sagna, Tereśa Braunschweig, Linda Steiner, Julia Benz, Philipp Valenta, Franziska Harnisch (wear&tear), Marion Mandeng, Mina Mania
400 Menschen. Gespräche, die nicht aufgehört haben. Mehrere Werke, die verkauft wurden — Kunst, die jetzt in Heidelberger Wohnungen hängt, die weiterwirkt, die Künstlerinnen trägt. Yana Heinstein, die den Raum mit Musik gefüllt hat, die zu dem gepasst hat, was die Ausstellung wollte: Freude als Haltung, Lust als Statement. Und am Ende: Tanzen.
Über das Wochenende kamen mehr als 500 Menschen. Der Raum hat gehalten, was wir uns erhofft hatten — und mehr. Wir haben gespürt, dass Heidelberg das gebraucht hat. Und dass wir es gebraucht haben.
Die Eröffnungsrede endete mit einem Satz, der den stärksten Applaus des Abends bekam. Nicht das Danke an die Förderer, nicht das Danke an das Team — obwohl beides gilt und gemeint ist.
Danke an uns selbst.
Fotos von Andreia Da Silva